Mittlere Meditation (Mai 1936 N. 2)

Alexej von Jawlensky

Mittlere Meditation (Mai 1936 N. 2)

1936
Öl auf Leinwand, auf Karton aufgezogen
21,5 x 16,7 cm


Die ab 1934 gemalten Meditationen setzen den Schluß- und Höhepunkt der seriellen Arbeiten Jawlenskys, die für den kranken und seit 1933 mit einem Ausstellungsverbot belegten, isolierten Künstler eine Sehnsucht nach dem Transzendenten bezeugen.
Über viele Jahre hinweg variiert er das Sujet des Gesichts zu immer höheren Abstraktionsstufen. Typischerweise wird es in unserer schönen, extrem farbstarken Meditation geschlechtslos und nimmt en face den gesamten Bildraum ein. Die mit breitem, gestischen Pinselstrich aufgetragenen schwarzen Balken treten markant hervor und stehen im Kontrast zu dem bunten Farbenspektrum, das diese Komposition zum Leuchten bringt.
Diese Arbeiten sind Ausdruck von Jawlenskys Glaube und spirituellem Bewußtsein. Der Künstler erreicht durch die Arbeit an den Meditationen einen Zustand, der seinen körperlichen Schmerz und die ihn umgebende Welt durch Kontemplation, Versenkung und innere Reflexion scheinbar verschwinden läßt.

Über Alexej von Jawlensky

Geboren: 1864 in Torschok
Gestorben: 1941 in Wiesbaden

Im verhältnismäßig späten Alter von 25 Jahren beginnt Alexej von Jawlensky 1889 als ehemaliger Offizier der Militärhochschule mit seiner künstlerischen Ausbildung in St. Petersburg. Er studiert bei Ilja Repin und lernt Marianne von Werefkin sowie Helene Nesnakomoff, seine spätere Frau, kennen. Mit beiden siedelt er 1896 nach München über, um eine private Kunstschule zu besuchen. Hier begegnet er Wassily Kandinsky, mit dem sich eine intensive Freundschaft entwickelt. Der Künstler unternimmt zahlreiche Reisen nach Frankreich und stellt 1905 im „Salon d'autonomne“ 10 Gemälde aus. In Paris lernt Jawlensky auch Henri Matisse kennen, dessen Bilder im Stil des Fauvismus sein Schaffen zeitlebens beeinflussen. 1908 arbeitet er mit Kandinsky, Marianne von Werefkin und Gabriele Münter erstmals zusammen in Murnau. Hier entsteht auch die Idee zur Gründung der „Neuen Künstlervereinigung München“, zu der sich die vier Maler und andere Münchner Künstler 1909 zusammenschließen. 1911 wird der ‚Blaue Reiter’ als neue große Idee einer künstlerischen Zusammenarbeit ins Leben gerufen. 1913 nimmt Jawlensky am Ersten Deutschen Herbstsalon Herwarth Waldens in Berlin teil. Aufgrund des Ersten Weltkriegs siedelt er mit seiner Familie und Marianne von Werefkin an den Genfer See über, wo er 1918 mit seinen abstrakten Köpfen beginnt. 1921 lässt sich Jawlensky, unterstützt durch die Galeristin Hanna Bekker vom Rath, in Wiesbaden nieder. Eine schwere Arthritis-Erkrankung und eine Lähmung behindern den Maler seitdem. 1924 kommt es zur Gründung der Gruppe „Die Blauen Vier“ unter Mitwirkung von Kandinsky, Klee, Jawlensky und Feininger. 1933 wird Jawlensky von den Nationalsozialisten mit einem Ausstellungsverbot belegt. Im Jahr darauf beginnt er mit der Reihe der kleinformatigen „Meditationen“ – diese stillen, vergeistigten und mystischen Bilder des menschlichen Antlitzes sowie die expressionistisch verwendeten, symbolhaft-leuchtenden Farben sind kennzeichnend für sein Schaffen. 1937 werden 72 seiner Werke als ‚entartet’ beschlagnahmt. 1941 stirbt Jawlensky in Wiesbaden.