Am Quai (Marine)
Angler und Kanalboot
Gelmeroda
Dorf in Sachsen-Weimar
Teltow, 1
Treptow an der Rega

Lyonel Feininger

Am Quai (Marine)

1918
Holzschnitt auf gelblich-orangefarbenem, dünnem Durchschlagpapier
16,7 x 21 cm


Es existieren nur wenige Probedrucke dieses Motivs, Prasse nennt insgesamt vier auf jeweils verschiedenen Papieren – zwei Exemplare befinden sich in Museumsbesitz (Museum der Bildenden Künste, Leipzig und Kunstammlungen Weimar). Unser Blatt ist daher äußerst selten und auf diesem Papier sogar einmalig.

Lyonel Feininger verbringt Zeit seines Lebens viele Wochen an der norddeutschen Ostseeküste, wo er zahlreiche Anregungen für seine Marinebilder findet. Mit dem Bleistift bewaffnet, begibt er sich in seiner äußerst fruchtbaren Schaffensperiode im Bereich Holzschnitt 1918/19 auf Motivsuche. Unser maritimes Sujet entsteht wie so viele andere auf Basis einer seitenverkehrt angelegten Kompositions- bzw. Ideenskizze, der sog. "Natur-Notiz", die bereits alle Details der späteren Graphik enthält.

In unserem kontrastreichen Druck "Am Quai" zeigt sich einmal mehr die technische Meisterschaft des Feininger’schen Holzschnitts und seine grundlegende Stilistik: die typische kubistische Zersplitterung des Bildgegenstands in blockhafte Schwarz-Weiß- Flächen mit typischen, karikierten Figuren im Vordergrund sowie der Einbeziehung des (hier farbigen) Papiers. Bei Prasse heißt es, Feininger liebe das Durchlagpapier besonders, da es einen vollen, warmen Farbton habe und die rauhe Seite eine "höchst geeignete Oberfläche für differenzierte Drucke" bereithalte.

Einst gehört dieser unverkäufliche Probedruck Julia Feininger, erkennbar am Besitzzeichen „x“, jedoch gelangt er später in die Feininger-Sammlung des Quedlinburgers Hermann Klumpp (1902–1987). Nach der Schließung des Bauhauses in Dessau (1932) und vor der Auswanderung der Feiningers in die USA (1937) geben Julia und Lyonel bedeutende Teile ihres Werks in die Obhut ihres Freundes Klumpp, der die als „entartet“ diffamierten Werke im entlegenen Quedlinburg vor ihrer Vernichtung bewahrt. Nach dem Tod Julia Feiningers (1970) und nach Klärung der Eigentumsverhältnisse mit den Erben wird entschieden, die Quedlinburg-Sammlung der Öffentlichkeit zugänglich zu machen und Teile zu veräußern, so daß unser Blatt schließlich in den Besitz von Bernd Freese gelangt, ein ebenso leidenschaftlicher Sammler mit dem Schwerpunkt Bauhaus.

Lyonel Feininger

Angler und Kanalboot

1920
Holzschnitt auf hauchdünnem, transparentem Bütten
14,5 x 16,5 cm


Unser Abzug auf Bütten ist einer der seltenen Probedrucke und signierten Exemplare dieses Motivs, es existiert keine Auflage, nur weitere Abzüge auf Durchschlagpapier sowie feinem Mino-Kopierpapier. Die Graphik steht in Zusammenhang mit dem bei einem Bombenangriff zerstörten Gemälde "Angler mit Spreekahn" (WVZ-Nr. 205, ohne Abb.), ebenfalls aus dem Jahr 1920, das sich in der Sammlung von Gerhard Marcks befand.

Im WVZ auch "Schiff an der Schleuse" oder "Leuchtturm und Schiff" genannt, zählt dieses Blatt zu einem von insgesamt 44 Holzschnitten des Jahres 1920. Unser prachtvoller Druck ist eine Hommage an die Ostsee und Resultat der Vorliebe Feiningers für Segelschiffe mit Figuren. Ruhig und majestätisch liegt ein Schiffskörper im Kanal, vermutlich ist es die Spree. Zwei Angler befinden sich an Bord, einer versucht sein Glück mit der Angel an Land. Feininger löst die Komposition in seine einzigartige kristalline und blockhafte Gestaltungsweise auf, die besonders gut im Holzschnitt zum Tragen kommt: die Masten, Segel, die Angel, das Wasser, der Himmel sowie die Figuren sind auf das Elementarste, auf geometrische Formen und Schwarz-Weiß-Kontraste reduziert, von weißen Kuben und Streifen "durchbrochen". Linien, Motive und Flächen bilden ein dynamisches Kräftespiel und kaum mehr erkennbares Raumgefüge. Verstärkt wird diese Konzeption durch den Kontrast des kräftigen Drucks von tiefem, sattem Schwarz und dem hellen Papier der unbedruckten lichtdurchfluteten Partien.

Lyonel Feininger

Gelmeroda

1920 (1958)
Holzschnitt auf Bütten
33,1 x 24,5 cm


Unser Motiv ist ursprünglich Teil eines Portfolios der Meistermappe des Staatlichen Bauhauses, die in Weimar 1923 in einer Auflage von 100 (plus ca. 15 Probedrucke) herausgegeben wird.
Im Mai 1958 druckt die Spiral Press (New York) für den Print Club of Cleveland einen Nachdruck in einer Auflage von 300 Exemplaren. Unser Blatt ist jedoch etwas Besonderes, da er (wie in der Bezeichnung recto angegeben) vor Reinigung des Holzstocks und dem Auflagendruck entstanden ist. Die Druckqualität dieses Exemplars ist daher eher mit der frühen Auflage zu Lebzeiten Feiningers vergleichbar, was nicht zuletzt an den noch sichtbaren, lebendigen Spuren des Holzstocks und mitdruckenden Strukturen etwa im Bereich des mittleren Quadrats sichtbar wird (bei den Nachdrucken sind diese Spuren verschwunden). Zudem stammt unsere Graphik aus dem Besitz Agi Müller-Geisslers, einer Großnichte Erich Heckels, die ein besonderes Gespür für herausragende Werke der Moderne besaß.

Die mittelalterliche Dorfkirche in Gelmeroda ist seit etwa 1906 und dann Zeit seines Lebens ein zentrales, geradezu ikonisch gewordenes Motiv im künstlerischen Schaffen Feiningers. Kaum ein anderes Motiv hat Lyonel Feininger so viele Jahrzehnte beschäftigt, wie die Häusersilhouette des nahe Weimar gelegenen Dorfes Gelmeroda mit dem markanten, spitzen Kirchturm. Während die ersten Gelmeroda-Skizzen bereits 1906 entstehen, stammt die letzte bekannte Variation, eine Lithographie, aus dem Jahr 1955, kurz vor Feiningers Tod. Ungefähr 150 seiner Darstellungen der Kirche sind bekannt und unser posthumer Nachdruck der Graphik "Gelmeroda" macht deutlich, wie sich Feiningers Werk um 1920 von einer zuvor noch eher expressiven, dynamischen Gestaltung zu einer konstruktiven, kristallinen, fast gänzlich abstrakten Formsprache entwickelt.

Lyonel Feininger

Dorf in Sachsen-Weimar

1918
Holzschnitt auf festem Velin
17,4 x 22 cm


Unser Holzschnitt ist extrem selten und hat unikalen Charakter. Es existiert keine Auflage, laut Prasse gibt es nur einige Probedrucke auf verschiedenen Papieren, wovon sich das bisher einzige bekannte Exemplar in den Kunstsammlungen Weimar befindet.

„Die Dörfer, wohl über Hundert, in der Umgebung sind prachtvoll! Die Architektur (sie wissen ja, wie ich von der ausgehe!) ist mir gerade recht, so anregend, zum Teil so ungemein monumental! [...]“, schreibt Feininger. In diesem Sinne ist der Künstler während der späten 1910er Jahre in Thüringen und im Weimarer Umland unterwegs und wohl auch von einem Dorf fasziniert, dessen Häuser und Architektur er festhält. Der Titel unseres Drucks, „Sachsen-Weimar“ (bei Prasse als "Sächsisches Dorf" oder "Dorf in Sachsen" verzeichnet), stammt von Feininger selbst und bezieht sich wohl auf die alte Namensgebung des heutigen Bundeslandes Thüringen als "Großherzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach" (damals einer der größten Staaten des Deutschen Reiches).

Stilistisch und kompositorisch dem Holzschnitt „Mellingen“ aus dem gleichen Jahr verwandt, zeigt Feininger die Ansicht einer in sich verschachtelten Häuserstruktur mit schwarz hervorgehobenen Fensteröffnungen. Die Architektur wird von Feininger typischerweise kubistisch zerlegt. Das von ihm so geschätzte Medium des Holzschnitts gibt ihm die Möglichkeit, das Gesehene nicht getreu des Naturvorbilds wiederzugeben, sondern auf das Elementarste, auf reine geometrische Formen und Linien zu reduzieren.

Lyonel Feininger

Teltow, 1

1914
Radierung auf Velin
17,9 x 23,6 cm


Die Druckplatte wurde Anfang der 1950er Jahre nach Paris gebracht und dort von Oxidationserscheinungen gereinigt. Im Anschluß daran wurde auf Anlaß von Curt Valentin, New York, eine kleine Auflage von 25 Exemplaren bei Philippe Molinié in der Druckerei 'L'Imprimerie Lacourière' für den Künstler abgezogen, zu der auch unser tadelllos erhaltenes Blatt zählt.

Die Radierung ist eine Neuinterpretation der leider verschollenen Fassung in Öl von 1912: "I commenced an etching last night […] of the church of Teltow after the same composition as the oil […].“ (Siehe WVZ).
Dabei stellt die Technik der Radierung den Künstler vor besondere Herausforderungen. Mit „Teltow, 1“ gelingt ihm jedoch ein Meisterstück, eine filigrane, nuancenreiche Radierung voller Transparenz. Die Realität der Kirche im südlich von Berlin gelegenen Teltow wird zugunsten des expressiven Ausdrucks verzerrt. Wie neuartig und bedeutsam Feiningers Arbeit ist, verdeutlicht der Künstler selbst: „I have finished the etching of Teltow church, have washed it off and it looks promising. I think I have started on a new line of works with this one, no amalgamation, pure graphic without picturesque addition ...“.

Lyonel Feininger

Treptow an der Rega

1925
Bleistift auf Velin (am Oberrand perforiert und vom Künstler gelocht)
20,5 x 14,1 cm


Unsere Zeichnung entsteht im Jahr der Schließung des Bauhauses in Weimar, 1925. Diesen Sommer verbringt Feininger wie schon im Jahr zuvor in Deep, das an der Mündung des Flüßchens Rega in Pommern an der Ostsee liegt. Er besucht u.a. die nah gelegenen Ortschaften Cammin, Greifenberg, Kolberg und „Treptow“.
Einmal mehr wird anhand dieser Zeichnung deutlich, wie reichhaltig und künstlerisch wertvoll die „Natur-Notizen“ Feiningers sind. Als eine Art Herzensangelegenheit des Künstlers haben sie grundlegende Bedeutung für sein Œuvre.

Über Lyonel Feininger

Geboren: 1871 in New York
Gestorben: 1956 in New York

Lyonel Feininger wird am 17. Juli 1871 in New York als Sohn eines Konzertgeigers und einer Sängerin und Pianistin geboren. Mit 16 Jahren begleitet er 1887 seine Eltern auf eine Konzertreise nach Europa. Mit Erlaubnis der Eltern besucht der junge Feininger zunächst an der Gewerbeschule in Hamburg die Zeichen- und Malklasse, ein Jahr später besteht er die Aufnahmeprüfung an der Königlichen Kunst-Akademie in Berlin, an der er von 1888 bis 1892 studiert. In Berlin beginnt Feininger früh für Zeitungen und Verlage zu arbeiten, die Nachfrage nach seinen Illustrationen und Karikaturen ist enorm. Ab 1905 widmet sich Feininger zunehmend druckgrafischen Methoden, wobei ein Großteil seiner herausragenden Holzschnitte erst zwischen 1918-20 entstehen, für die er noch heute als bedeutendster Holzschneider des 20. Jahrhunderts gefeiert wird. 1907 unternimmt er erste Versuche in der Ölmalerei, die anfangs noch deutlich impressionistisch-naturalistisch eingefärbt sind. Feiningers Weg vom gefragten Karikaturisten zum Künstler ist eine stetige Erprobung unterschiedlichster Techniken und künstlerischer Ausdrucksmittel und sollte erst durch ein Kubismus-Erlebnis 1911 in Paris in eine für ihn wegweisende Richtung gelenkt werden: Natüreindrücke müssten "innerlich umgeformt und crystalisiert [!]" werden, hat er schon 1907 in einem Brief an seine zweite Frau Julia festgestellt – eine Einstellung, die später in der geometrisch-reduzierten Bildlichkeit mündet. Und ein entscheidendes künstlerisches Kapitel einleitet, für das der Künstler bis heute Bewunderung findet: die Welt kristallin zu gestalten. 1917 findet dessen erste Einzelausstellung in der Berliner Galerie „Der Sturm“ statt, zwei Jahre später gehört er zu den ersten Meistern, die Walter Gropius 1919 ans Bauhaus beruft. Als Meister für die grafische Werkstätte entsteht im gleichen Jahr Feiningers berühmter Titelholzchnitt "Kathedrale" für das "Bauhaus-Manifest". 1926-33 lebt Feininger in Dessau, ist nach der Bauhaus-Umsiedelung zwar noch Meister, jedoch ohne Lehrverpflichtung. 1926 bildet er mit Klee, Kandinsky und Jawlensky die Gemeinschaft „Die Blauen Vier“. 1929-31 entstehen die ikonischen Halle-Bilder. 1937 verlässt Feininger Deutschland und kehrt in sein Geburtsland zurück. Ungefähr 400 seiner Werke werden von den Nationalsozialisten als „entartet“ beschlagnahmt. 1947 wird Feininger Präsident der “Federation of American Painters and Sculptors“. Am 13. Januar 1956 verstirbt Lyonel Feininger in New York City.